Jedes Jahr dasselbe Spiel: Spätestens Ende Juli fühlt sich mein Laufkalender nicht mehr nach Hobby, sondern nach purem „Laufstress“ an. Letztes Jahr war dieser Punkt so extrem, dass ich von Lauf zu Lauf förmlich langsamer wurde. Irgendwann zog ich die Reißleine, strich alle weiteren geplanten Events (inklusive 3MUC Triathlon und Dreiseenlandmarathon) radikal aus dem Kalender und ging in eine verordnete Ruhepause, bis im Oktober mein traditioneller Surf-Urlaub anstand.
Das sollte mir dieses Jahr nicht wieder passieren. Mein guter Vorsatz für die Saisonplanung klang absolut vernünftig: Weniger Läufe im Juli, oder zumindest kürzere Distanzen.
Doch dann kamen die Anmeldungen. Und mein Ego.
Wenn man im Juni einen Marathon läuft, so meine verquere Logik, dann kann man zwei Wochen später doch auch problemlos einen Halbmarathon dranhängen, ohne dafür extra trainieren zu müssen, oder? Plötzlich war ich doch wieder überall für die längste Distanz angemeldet. Als sich dann herausstellte, dass der Blutenburglauf und der Rückenwindlauf in Garching auf denselben Tag fielen, tat sich unerwartet ein freies Wochenende auf. Die Lösung? Ich meldete mich spontan für den Run4Trees an, weil eine Lauffreundin dort startete.
Am Ende hatte ich also exakt das gleiche Laufpensum wie im Vorjahr im Kalender stehen – nur dieses Mal mit einem Marathon als Vorspeise.
Wenn die Vernunft siegt (und die Couch ruft)
Trotzdem lief es dieses Jahr anders. Zum einen war meine körperliche Ausgangsform deutlich besser. Ich hatte nicht dieses zermürbende Gefühl, von Woche zu Woche abzubauen. Zum anderen – und darauf bin ich ein bisschen stolz – meldete sich zwischendurch tatsächlich die Vernunft.
Als meine Lauffreundin den Run4Trees privat absagen musste und das Wetter sich von seiner ungemütlichsten Seite zeigte, traf ich am Sonntagmorgen eine radikale Entscheidung: Ich blieb auf der Couch. Und ich habe es richtig genossen.
Auch beim Blutenburglauf am Wochenende darauf ließ ich Vernunft walten. Statt wie geplant erst die 10 km und danach noch die 5 km zu laufen, machte ich nach dem ersten 10-km-Rennen Schluss. Sich verschwitzt und auskühlend bei schlechtem Wetter auf den Start des zweiten Laufs zu warten, musste einfach nicht sein. Stattdessen schwang ich mich aufs Fahrrad, holte beim Bäcker frische Brötchen und fuhr heim zu einem gemütlichen Sonntagsfrühstück.
Den August hielt ich mir dann komplett lauffrei. Der Fokus lag zu 100 % auf der Vorbereitung für die Bayerische Meisterschaft im Kraftdreikampf. Eine mentale und körperliche Pause, die Gold wert war.
Das Comeback in Karlsfeld: Vom letzten Platz zum besten Kuchen
Gestern stand dann mit dem Karlsfelder Seelauf der Wiedereinstieg auf die längeren Distanzen an. Die Vorzeichen waren speziell: In Karlsfeld wird traditionell ein schnelles Feld aufgestellt, und das Zeitlimit für den Halbmarathon liegt bei knackigen 2:45 Stunden (statt der üblichen 3 Stunden).
Mein Morgen verlief nach dem klassischen Läufer-Drehbuch: Im Bett fragte ich mich, warum ich am Wochenende freiwillig so früh aufstehe. Im Auto fragte ich mich, warum ich mir das überhaupt antue. Und auf dem ersten Kilometer fragte ich mich, warum ich eigentlich immer wieder laufen gehe.
Da ich wusste, dass das Feld schnell lospreschen würde und ich die 2:45 Stunden im Hinterkopf hatte, zwang ich mich ganz bewusst zu einem extrem langsamen Start. Das führte dazu, dass ich als allerletzter Läufer ins Rennen ging – und diese Position auf der ersten knappen Hälfte des Laufs auch souverän verteidigte. Meine Vorderfrau hatte ich zwar im Blick, hielt aber brav Abstand.
Erst bei Kilometer 8, als ich mein Tempo einfach stur weiterlief und die anderen langsam einbrachen, konnte ich die erste Läuferin überholen. Danach machte ich noch ein paar weitere Plätze gut und kam als Achtletzter ins Ziel. Und es war großartig!
Es ging mir null um die Zeit. Ich wollte einfach mal wieder eine lange Runde laufen und Spaß haben. Die Sonne schien, die Temperatur war perfekt, die Helfer und Zuschauer an der Strecke waren unglaublich motivierend. Das Highlight wartete hinter der Ziellinie: Ein fantastisches Buffet mit belegten Brötchen und Kuchen. Wie ich mit einem Stück Marmorkuchen in der Hand zu meinem Laufkollegen Kai sagte: „Man sollte öfters mal Halbmarathon laufen – danach schmeckt alles viel besser.“
Ab auf’s Brett, rein in den Zug
Jetzt beginnt endgültig die absolute Genuss-Phase des Jahres. Kein Pace-Diktat, keine Gewichtsziele.
Zuerst geht es nach Fuerteventura. Es ist für mich zur gelebten Tradition geworden, meinen Geburtstag dort beim Windsurfen zu verbringen. Es ist jedes Mal wie nach Hause kommen: Gleiches Hotel, gleiche Surfschule, man kennt sich. Wegen der absurden Flugpreise hatten wir dieses Jahr zwar kurz überlegt, ob wir das Ziel wechseln, aber ich bin extrem froh, dass wir geblieben sind. Hätte ich dieses Jahr ausgesetzt, würde ich mich am ersten Tag im nächsten Jahr wahrscheinlich fragen, ob ich überhaupt noch auf dem Brett stehen kann.
Nach dem Surfen gibt es genau einen Tag Zwischenstopp in München, bevor es direkt weiter nach Italien geht – und zwar ganz entspannt mit dem Zug. Für mich das mit Abstand beste Verkehrsmittel: Mehr Platz als im Flugzeug, null Stress am Steuer. Gerade wenn man vom Surfen die ein oder andere Blessur mitbringt, ist die Beinfreiheit im Zug Gold wert.
Das Ziel in Italien? Treviso. Genauer gesagt: Der Tiramisù-Run.
5 Kilometer laufen. Keine Bestzeiten. Kein Leistungsdruck. Dafür Tiramisù satt im Ziel. Ein Lauf, den man nicht wegen der Kilometer, sondern rein für den Genuss läuft – das habe ich in all den Jahren tatsächlich noch nie gemacht.
Die Formeln und Trainingspläne dürfen jetzt erstmal ruhen. Bevor im Winter die Vorbereitung für den Wien-Marathon startet, wird jetzt einfach nur genossen. Erst der Kuchen, dann die Wellen, und zum Abschluss das Tiramisù.