Gute zwei Wochen ist mein Zieleinlauf beim Metropolmarathon nun her. Die Medaille hat ihren Platz gefunden, die Muskeln haben sich erholt. Eigentlich dachte ich im Vorfeld immer, dass dieser Tag ein ganz nüchterner Moment werden würde: Du erfüllst dir einen Traum, den du seit über 20 Jahren im Kopf hast, setzt ein Häkchen auf der To-Do-Liste, lässt das Thema hinter dir und widmest dich dem nächsten Projekt.
Bevor ich nach dem Rennen überhaupt zurück im Hotel war, stand mein nächstes sportliches Fernziel auch schon fest: Irgendwann einmal eine Triathlon-Mittel- oder sogar Langdistanz zu finishen, das wäre es. Und als unmittelbares nächstes Etappenziel möchte ich im kommenden Jahr den Wien-Marathon in unter fünf Stunden laufen.
Alles also ganz normal, evolutionär und erwartbar, oder? Nicht ganz. Denn in den letzten zwei Wochen habe ich eine überraschende Entdeckung an mir selbst gemacht: Der Marathon lässt mich nicht los. Er war eben keine seelenlose Checkbox. Und die wichtigste Erkenntnis dieser Reise liegt gar nicht in den nackten Zahlen der Finisher-Zeit, sondern in einem völlig neuen inneren Frieden – meinem sportlichen „Peace of Mind“.
Die alte Schleife: Erst beherrschen, dann ausführen
Um zu verstehen, was sich in meinem Kopf verändert hat, müssen wir weit zurückblicken. In der Schule habe ich die 3.000 Meter nie geschafft. Als ich dann vor über zwanzig Jahren meinen allerersten Halbmarathon finishte, war das eine Offenbarung. Ich lernte: Du kannst im Grunde alles erreichen, wenn du nur genug Energie hineinsteckst.
Mein damaliger Algorithmus war jedoch streng linear: Ich muss etwas so lange üben, trainieren und kontrollieren, bis ich es absolut sicher beherrsche – und erst dann gehe ich an den Start und liefere ab. Ein absolut logischer, kontrollierter Ansatz. Doch beim Marathon funktioniert dieses Prinzip der absoluten Vorab-Kontrolle einfach nicht. Das musste ich über vier Iterationen hinweg schmerzhaft, aber lehrreich erfahren.
Die vier Iterationen meines Marathon-Algorithmus
Wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke, war jeder Marathon-Versuch im Grunde ein unschätzbares KVP-Projekt (Kontinuierlicher Verbesserungsprozess):
- Versuch 1 (Wien 2024) – Der Sicherheitsmodus
Ich bin angemeldet, merke aber früh in der Vorbereitung, dass das Training nicht reicht. Mein Sicherheitsmodus springt an, ich hake das Risiko ab und wechsle vernünftig auf die Halbmarathon-Distanz. - Versuch 2 (Wien 2025) – Das neue Mindset
Das Mindset ändert sich. Ich sage mir: „Du kürzst nicht ab, egal was kommt. Du läufst einfach so weit wie möglich Open-End und schaust empirisch, wie weit du kommst.“ - Versuch 3 (Wien 2026) – Das Hardware-Upgrade
Ich verbessere die Hardware – sprich, ich reduziere mein Gewicht drastisch, um die Gelenke und Muskeln zu entlasten. Ich fühle mich mental immer noch nicht zu 100 % bereit für das Ziel, aber ich merke: Jedes Mal, wenn ich reflektiere, woran es beim letzten Mal gescheitert ist (in diesem Fall die muskuläre Ausdauer), komme ich beim nächsten Mal ein Stück weiter. - Versuch 4 (Nürnberg 2026) – Die radikale Gelassenheit
Ich stehe an der Startlinie und spüre eine völlig neue Gelassenheit. Warum? Weil ich akzeptiert habe, dass ich nicht die vollen 42 Kilometer im Voraus kontrollieren muss. Mein einziges Ziel ist es, weiter zu kommen als beim Versuch davor. Ich plane nicht mehr das ferne Ziel, sondern immer nur die nächsten paar Kilometer, die unmittelbar vor mir liegen.
| Das alte Kontroll-Mindset | Das neue „Agile“ Mindset |
|---|---|
| Wasserfall: Erst üben, bis ich es perfekt beherrsche. | Iterativ: Einfach losgehen und den Kurs unterwegs anpassen. |
| Das ferne Ziel (die 42 km) muss komplett kontrollierbar sein. | Der Fokus liegt radikal auf den nächsten Kilometern. |
| Ungewissheit erzeugt Druck und Zweifel. | Ungewissheit bringt Peace of Mind durch Vertrauen in die eigene Resilienz. |
Der Sprung ins Ungewisse: Warum wir einfach losgehen müssen
Und genau hier liegt der fundamentale Shift in meinem Denken. Früher dachte ich, ich müsste die Ziellinie im Training quasi schon mental im Sack haben, bevor ich den ersten Schritt mache. Heute weiß ich:
Du musst nicht erst alles perfekt können, um loszugehen. Du musst einfach nur anfangen, dich in die richtige Richtung zu bewegen.
Der Marathon hat mir bewiesen, dass ich den unbedingten Willen und die Resilienz besitze, auch dann Kurs zu halten, wenn es schwer wird, wenn die Umstände unperfekt sind (wie meine mickrige Zwei-Wochen-Vorbereitungszeit) oder wenn ich noch überhaupt nicht absehen kann, wie der Weg ins Ziel am Ende eigentlich aussehen soll.
Dieses Vertrauen in die eigene Anpassungsfähigkeit bringt eine unglaubliche Ruhe mit sich. Ich bin verdammt stolz darauf, das Ding gerockt zu haben – eben weil es nicht planbar war, weil es wehgetan hat und weil ich ein paar Anläufe gebraucht habe.
Für meine zukünftigen Projekte – ob auf der Straße, im Wasser oder im Job – nehme ich genau diesen „Peace of Mind“ mit. Der perfekte Plan ist ein Mythos. Was zählt, ist der Mut, den ersten Schritt zu machen, und die Gelassenheit, den Kurs unterwegs Schritt für Schritt zu bestimmen.