Sonntagmittag, kurz vor 14:00 Uhr in Nürnberg: Ich sehe den Zielbogen, mobilisiere die allerletzten Körner für einen Endspurt und laufe direkt in die Arme meines Freundes Kai. Die Beine brennen, aber sie laufen. Kein Gehen, kein Walken. Ich habe es geschafft. Ich habe gefinisht.
Noch zwei Wochen vor dem Metropolmarathon sah die Welt in meinem Kopf ganz anders aus. Ich war traurig, frustriert und dachte: „Matthias, du nimmst dir einfach zu viel vor. Du musst deine Ziele niedriger stecken.“
Das Trauma von Wien und die Zwei-Wochen-Vorbereitung
Der Metropolmarathon von Fürth nach Nürnberg war mein erklärter Ersatztermin. Im April in Wien musste ich nach einem schweren Fahrradsturz im Februar und fast ohne Training bei Kilometer 31 aufgeben – die Muskeln machten dicht, brutale Krämpfe zwangen mich ab Kilometer 27 zum Walken.
Zwischen Wien und gestern lagen zwar acht Wochen, aber eben auch meine Oberbayerische Meisterschaft im Kraftdreikampf, bei der das Lauftraining hinten anstehen musste. Danach war ich eine Woche mit einer Erkältung ausgeknockt, gefolgt vom Tapering. Die nackte Bilanz: Wieder nur mickrige zwei Wochen echtes Marathontraining. Genau wie in Wien. Warum sollte es also diesmal klappen?
Der medizinische Gamechanger: Teamwork mit dem Arzt
Es gab jedoch eine entscheidende Variable, die ich verändert hatte: Die Ursachenforschung. In Wien lag mein Limit nicht an fehlender Puste oder Kraft, sondern an den Muskelkrämpfen. Ich wusste, dass der Salzspiegel (Natrium, Kalium, Magnesium) hier die Hauptrolle spielt. Und ich wusste, dass ich ein Blutdruckmedikament nahm, das die Ausscheidung von Natrium massiv fördert.
Durch meinen Gewichtsverlust der letzten Jahre war mein Blutdruck aber ohnehin stark gesunken. Nach Wien fasste ich mir ein Herz, leglegen meinen Ärzten meine Blutdruckprotokolle sowie die Marathonerfahrung vor und bekam das offizielle Okay, das Medikament abzusetzen. Ein Test unter realen Laborbedingungen auf der Straße sozusagen.
Startlinie Fürth: Kein Platz zum Verstecken
Sonntagmorgen, 7:45 Uhr an der Startlinie in Fürth. Mein insgeheimes Ziel: Komm einfach weiter als die 31 Kilometer von Wien. Bei Kilometer 35 darfst du stolz auf dich sein.
Der erste psychologische Dämpfer folgte sofort: Während in Wien 49.000 Menschen starten, waren es beim Metropolmarathon überschaubare 1.200 Startnummern. Mein erster, zugegeben etwas dusseligere Gedanke: „Mist, hier kannst du dich im Feld ja gar nicht verstecken.“ Prompt passierte, was passieren musste: Ohne die dichte Masse an Läufern ließ ich mich mitreißen und lief viel zu schnell los (7:30 min/km). Nach zwei Kilometern schaltete sich der Kopf ein: Bremsen! Ich korrigierte auf die geplanten 8:10 min/km. Doch nach acht Kilometern fühlte sich alles so leicht und flüssig an, dass ich die strikten Vorgaben vergaß und nach Gefühl lief. Das Pendel empirisch wieder bei 7:30 ein – und mein Körper feierte es. Kein Vergleich zu Wien.
Die Dame auf dem Schlussfahrrad und der Parkrun-Effekt
Mitten in dieser Euphorie tauchte das „Schlussfahrrad“ neben mir auf. Die nette Dame fragte nach meinem Befinden („Super!“) und verunsicherte mich im nächsten Sektor komplett: Ich sei der Viertletzte und das Zeitlimit liege bei strengen sechs Stunden.
Für ein, zwei Kilometer ratterte es heftig im Kopf: Soll ich beim Halbmarathon-Abzweig das Handtuch werfen und mich einfach für die halbe Distanz werten lassen? „Nein“, sagte ich mir. „Das hier ist der Test für das abgesetzte Medikament. Du läufst, solange die Beine tragen.“ (Um es vorwegzunehmen: So heiß, wie die Sechs-Stunden-Regel gekocht wurde, wurde sie zum Glück nicht gegessen. Die Orga drückte im Ziel beide Augen zu und der letzte Läufer wurde mit einer Netto-Zeit von 6:13:45 Stunden völlig zurecht noch voll gewertet!).
Und die Beine trugen. Ich hielt die Pace, überholte die ersten gehenden Läufer und als das Schlussfahrrad wieder vorbeikam, rief mir die Dame zu: „Super, du hast dich inzwischen ja warmgelaufen!“ Ab Runde zwei war ich so beflügelt, dass ich ein neues Ritual startete, das ich mir erst kürzlich beim Parkrun abgeschaut hatte: Ich grüßte jeden einzelnen Streckenposten, jeden Sanitäter und jeden Polizisten, bedankte mich für ihren Einsatz und wünschte einen schönen Sonntag. Die Überraschung und die darauffolgende Begeisterung der Volunteers spülte eine Welle von purer Motivation zurück in meine Beine.
Sogar die gefürchtete Wendeschleife in Nürnberg, wo man den schnelleren Läufern entgegenläuft, wurde zum Fest: Man klatschte sich ab, feuerte sich gegenseitig an, und als mich die schnellen Läufer des 10-km-Laufs überholten, eskalierten die Zuschauer am Streckenrand komplett, als sie sahen, dass da ein Marathoni im Schlussfeld kämpft.
Die Revanche an Kilometer 31
Und dann passierte es. Die Uhr sprang auf Kilometer 31. Der Punkt, an dem in Wien das Licht ausging. Ich horchte in meinen Körper: Nichts. Keine Krämpfe. Die Muskeln fühlten sich fantastisch an. Ich lief einfach weiter. Bei Kilometer 33 wurde mir schlagartig klar: Das Ding fährst du heute nach Hause. Niemand nimmt dir diesen Marathon heute noch weg.
Um absolut sicherzugehen, nahm ich taktisch etwas Tempo raus, sparte Körner und spulte die letzten Kilometer wie ein Schweizer Uhrwerk ab. Bis zum Zielbogen. Bis zu Kai.
Die nackten Zahlen auf der Uhr machten den Triumph perfekt: Nach 5:37:03 Stunden (Netto-Zeit) blieb die Zeitnahme für mich stehen. Das bedeutet eine Durchschnitts-Pace von 7:59 min/km – ich war auf den 42,195 Kilometern am Ende also sogar ein gutes Stück schneller unterwegs als meine eigentlich anvisierten 8:10 min/km!
Und das vermeintlich einsame Schlussfeld? Von wegen viertletzter! Nach mir kamen noch stolze 10 Männer und eine Frau glücklich ins Ziel. Gleichzeitig mussten acht Läufer, die morgens hochmotiviert mit mir an der Startlinie standen, das Rennen unterwegs leider vorzeitig beenden (DNF). Das hat mir noch einmal demütig vor Augen geführt, dass das Erreichen des Ziels bei einem Marathon – ganz egal in welcher Zeit – niemals eine Selbstverständlichkeit ist.
Meine zwei wichtigsten Erkenntnisse
- Redet mit euren Ärzten! Oft verschweigen wir Sportler aus Angst vor einem verständnislosen „Das ist zu viel für Sie“ unsere wahren Pläne. Aber Medizin und Leistungssport gehören zusammen. Im Team mit meinen Ärzten habe ich die Stellschraube gefunden, die diesen Erfolg erst möglich gemacht hat.
- Glaubt an euch selbst. Lasst euch nicht von einer unperfekten Vorbereitung vorschreiben, was ihr leisten könnt. Und lasst euch nicht von den Projektzweifeln anderer (oder eines Schlussfahrrads) bremsen.
Die 42,195 Kilometer gehören mir. Laufend. Von der ersten bis zur allerletzten Sekunde.