Der entkoppelte Samstagmorgen: Mein erster Parkrun im Westpark

Geschrieben am 2026-05-30

Der Samstagmorgen ist bei uns eigentlich heilig und folgt einem festen Protokoll: Ausschlafen, gemütlich frühstücken, Muesli essen. Die sportliche Action mit dem Lauf zum Bäcker ist traditionell für den Sonntag reserviert. Eigentlich. Doch heute habe ich mit dieser Routine gebrochen. Der Grund? Der Westpark Parkrun.

Der Westpark ist quasi mein sportliches Wohnzimmer; hier bin ich mit meinem Lauftreff zweimal die Woche unterwegs. Und kurioserweise wurde ich freitags schon öfter von Passanten angesprochen, ob ich wisse, wo denn morgen der Parkrun starte. Ich wusste also schon lange, dass es ihn gibt. Aber der innere Schweinehund und die Liebe zum samstäglichen Ausschlafen waren bisher einfach stärker. Bis heute. Ich kam gefühlt einfach nicht mehr drum herum, mir das endlich mal anzusehen.

IT-Eleganz auf der Laufstrecke: Das Zeiterfassungs-Rätsel

Als Informatiker hatte ich neben der sportlichen Neugier vor allem eine Frage im Kopf: Wie zur Hölle funktioniert bei ca. 200 Teilnehmenden die Zeitmessung, wenn es keine Startnummern mit eingebautem RFID-Chip gibt, sondern jeder nur einen analogen Barcode in die Kamera hält?

Als ich es heute live erlebt habe, musste ich innerlich schmunzeln – die Lösung ist architektonisch absolut genial, weil sie ein komplexes Problem durch simple Entkopplung löst:

  1. Die Brutto-Zeit: Es gibt keine Nettozeitnahme. Um Punkt 09:00 Uhr laufen alle los. Bei dieser Gruppengröße ist der “Stau” am Start ohnehin zu vernachlässigen.
  2. Der Funnel: Im Ziel laufen alle durch eine schmale Gasse (den Funnel). Dadurch wird eine unumstößliche, eindeutige Reihenfolge der Finisher erzwungen.
  3. Der Zeitstempel: Ein Helfer drückt in einer App bei jedem Einlaufenden auf den Knopf. Die App weiß jetzt exakt: Läufer Nummer 42 kam bei Minute 21:15 ins Ziel.
  4. Das Token: Man bekommt im Ziel ein Plastik-Token mit seiner Platzierungsnummer (z. B. Nummer 42) in die Hand gedrückt.
  5. Das Pairing: Am Ende scannen andere Helfer deinen persönlichen Barcode und das Platz-Token. Erst hier werden die Identität des Läufers und die gestoppte Zeit miteinander verknüpft.

Keine teure Technik, keine Serverausfälle, maximale Effizienz. Das hat mein Entwickler-Herz direkt höher schlagen lassen.

OV-Kino-Vibe im Münchner Westen

Durch ein paar YouTube-Videos hatte ich mir vorher schon ein grobes Bild vom Ablauf gemacht. Was die Erwartungen dann aber komplett erfüllt – und übertroffen – hat, war die internationale Atmosphäre. Der Parkrun ist kein rein lokales Ding. Hier laufen Expats, Studierende und Touristen aus der ganzen Welt mit – heute waren sogar Teilnehmende aus Australien am Start.

Die Standardsprache beim ersten Anquatschen war ganz ungezwungen Englisch. Das hat in mir sofort ein wohliges Nostalgie-Gefühl ausgelöst. Es hat mich an die Zeiten erinnert, als ich früher regelmäßig in die „OV-Sneak“ im Kino gegangen bin – dieses spezielle, bunte Gemeinschaftsgefühl von Menschen, die aus allen Ecken der Welt für eine gemeinsame Leidenschaft zusammenkommen.

Ein ehrlicher Blick als Coach: Läufer vs. Walker

Die offizielle Parkrun-Website betont immer wieder, dass ausdrücklich auch Walker willkommen sind. Als Lauftrainer habe ich da heute aber eine etwas andere Realität wahrgenommen: Gefühlt waren es heute fast ausschließlich Läufer.

Würde mir heute jemand erzählen, dass er oder sie gerne regelmäßig walken möchte, würde ich den Parkrun nicht unbedingt als erste Anlaufstelle empfehlen. Man läuft Gefahr, sich dort etwas einsam zu fühlen. Es sei denn, man bringt ein verdammt stabiles Selbstbewusstsein mit – so wie ich es damals brauchte, als ich meine allerersten Läufe absolvierte und weit abgeschlagen als Letzter ins Ziel kam. Meine Empfehlung für Walker wäre daher: Sucht euch eine kleine Gruppe Gleichgesinnter und geht geschlossen hin. Denn das Schöne ist: Jede Pace wird hier gefeiert.

Der Schnellste heute ballerte die 5 Kilometer in beeindruckenden 17:14 Minuten auf den Asphalt. Der letzte Finisher kam nach 1:04:52 Stunden ins Ziel. Und vor dieser Leistung habe ich fast noch größeren Respekt. Die letzten sechs Teilnehmenden kamen übrigens als geschlossene Gruppe ins Ziel – ein wunderbares Bild dafür, dass niemand zurückgelassen wird.

Was ist der Parkrun nun eigentlich?

Ich habe auf dem Rückweg lange darüber nachgedacht, wie ich die Veranstaltung nun emotional einordnen soll. Es bewegt sich in einem ganz eigenen Mikrokosmos irgendwo zwischen Lauftreff und Wettkampf.

Man könnte sagen, es ist ein Lauftreff mit professioneller Zeitmessung und Bestenliste. Oder eben ein Wettlauf, bei dem es aber zu keinem Zeitpunkt um ein Gegeneinander, sondern ausschließlich um das Miteinander geht.

Eines steht jedenfalls fest: Es war definitiv nicht mein letzter Samstagmorgen im Westpark. Das Müsli schmeckt danach nämlich noch ein bisschen besser.