Die schwerste Übung: Füße stillhalten, wenn die Zeit davonläuft

Geschrieben am 2026-05-19

Samstagmittag, 13:00 Uhr: Drei grüne Lichter auf der Plattform, die Goldmedaille als Oberbayerischer Meister im Kraftdreikampf in der Tasche. Der Kopf feiert, das Adrenalin rauscht.
Dienstagmorgen, 7:00 Uhr: Blick in den Spiegel, ein fieses Kratzen im Hals. Das Immunsystem hisst die weiße Fahne.

Willkommen in der Realität eines Hybrid-Athleten. Der Wechsel vom Maximalkraft- in den Ausdauermodus hätte radikaler kaum sein können – nur hatte ich mir den Start in die Vorbereitung auf den Metropolmarathon in knapp vier Wochen irgendwie anders vorgestellt.

Das „Open Window“ und der kalte Regen vom Ammersee

Dass sich da am Horizont der Gesundheit eine dunkle Wolke zusammenbraute, schob ich am Sonntag noch erfolgreich in die Kategorie „Verdrängung“. Wir waren mit dem Lauftreff beim Giro di Monaco am Start – Partystimmung, Boxen in der Startgasse, ohrenbetäubender Lärm. Um sich zu unterhalten, musste man brüllen. Als ich merkte, dass meine Stimme flöten ging, redete ich mir noch ein: „Das ist nur vom Schreien.“ Spoiler: War es nicht.

Nach dem Stress und der mentalen Anspannung vor dem Wettkampf und dem Wettkampf selbst, war mein Immunsystem im klassischen „Open Window“-Modus – sperrangelweit offen für jeden Infekt. Wenn man dann am Montag bei einem Geburtstagsausflug während einer Ammersee-Schiffsrundfahrt in Herrsching auch noch in einen eiskalten, windigen Regenschauer gerät, dankt das der Körper eben auf seine ganz eigene Art.

Wenn das Fahrrad zur Komfortzone wird

Wie sehr sich meine Automatismen in den letzten Jahren verändert haben, merkte ich heute Morgen beim Blick aus dem Fenster. Ein Friseurtermin in der Stadt stand an. Normalerweise denke ich nicht nach und schwinge mich sofort aufs Rad – so wie andere eben automatisch ins Auto steigen. Heute siegte die Vernunft: Dick eingepackt ging es mit der S-Bahn los. Ein fast ungewohntes Gefühl, aber die einzig richtige Entscheidung, um den Körper nicht noch mehr zu stressen.

Rückweg vom Friseur. Heute mit Straßen- und S-Bahn statt Fahrrad.

Der Entzug und die tickende Uhr

Das Absurde ist ja: Eigentlich scharre ich schon seit Wochen mit den Hufen. Während der heißen Phase der Powerlifting-Vorbereitung musste ich mich beim Laufen extrem zurückhalten, um Körner für die schweren Lifts zu sparen. Ich bin im Lauftreff extra nur mit den Einsteigern gewalkt. In der Tapering-Woche direkt vor dem Wettkampf durfte ich gefühlt gar nichts mehr tun – ein Zustand, bei dem man als Läufer irgendwann psychisch dezent durchdreht, weil man sich einfach bewegen will.

Und jetzt, wo ich endlich wieder die Umfänge hochfahren und die Straße fressen dürfte, liege ich auf dem Sofa. Die Uhr tickt gnadenlos in Richtung 14. Juni. Der Metropolmarathon ist ja ohnehin schon mein Ersatztermin, nachdem die Vorbereitung für Wien im April nicht optimal lief. Da schleicht sich natürlich ein bisschen die Angst an: Geht das schon wieder schief? Scheitere ich wieder am Marathon?

Achtsamkeit schlägt Trainingsplan

Als Coach weiß ich genau, was ich meinen Schützlingen jetzt raten würde. Und genau diesen Ratschlag muss ich jetzt selbst befolgen, so schwer es auch fällt. Feste Regeln und starre Pläne bringen mich gerade nicht weiter. Was zählt, ist radikale Achtsamkeit und das Hineinhören in den eigenen Körper.

Es gibt keinen festen Tag X für den Wiedereinstieg. Stattdessen wird jeden Morgen neu bewertet. Mein wichtigster Indikator: die Körpertemperatur. Sollte Fieber kommen, gilt die eiserne Regel: Für jeden Fiebertag gibt es hinterher einen extra Tag komplette Sportpause. Wenn es sich irgendwann wieder „okayisch“ anfühlt, starte ich nicht mit Intervallen, sondern mit einem ganz leichten Spaziergang. Nur für die Routine und die Bewegung.

Denn die nackte Wahrheit ist: Schleppe ich die Erkältung jetzt verschleppt vor mir her, stehe ich am 14. Juni in Fürth mit halber Kraft am Start. Und mit halber Kraft finisht man keine 42,195 Kilometer. Die einzige Chance auf den Marathon ist ein jetzt zu 100 % auskurierter, fitter Körper.

Wahre Stärke zeigt sich eben nicht nur, wenn man 180 Kilo vom Boden weghebt. Sie zeigt sich genau jetzt: Füße stillhalten. Tee trinken. Abwarten.