Es ist geschafft. Heute, am 16. Mai 2026, stand ich das erste Mal im Scheinwerferlicht einer Wettkampfbühne. Die Oberbayerische Meisterschaft im Kraftdreikampf (Classic) beim ESV Neuaubing stand an. Ein Tag voller Premieren, Nervenkitzel und der Erkenntnis, dass der Kopf im Wettkampf manchmal ganz eigene Wege geht.
Die Nacht vor der Waage: Milligramm-Kopfkino
Die größte Hürde stand eigentlich schon vor dem ersten Lift an: das Gewichtlimit von 93,0 kg. Obwohl ich seit Wochen sicher darunter lag, schoss mir Anfang der Woche die paranoide Frage durch den Kopf: Was ist, wenn ich aus Versehen zu viel esse?
Freitagmorgen zeigte meine Waage entspannte 91 kg, und selbst nach dem Abendessen waren es 92,5 kg. Safe. Trotzdem bin ich in der Nacht mehrmals aufgewacht, um das Gewicht zu kontrollieren. Warum? Weil ich meinem Trainer Volkmar stolz versprochen hatte, mit Punkt 90 kg aufzulaufen. Am Morgen waren es dann 90,8 kg auf der Heimwaage und beim offiziellen Wiegen im Verein schließlich 90,5 kg. Punktlandung.
Socken-Chaos und zu weite Shirts
Bevor es an die Hantel ging, stand die Bürokratie an: NADA-Dopingvereinbarung unterschreiben und ab zum Equipmentcheck. Und hier zeigte sich direkt, dass ich ein Rookie bin: Mir war bis zum Vorabend nicht klar gewesen, dass man fürs Kreuzheben spezielle, lange Strümpfe braucht. Volkmar hat mir zum Glück kurzfristig seine geliehen. Mein T-Shirt wurde von den Kampfrichtern auch etwas skeptisch beäugt – da ich in den letzten zwei Monaten weiter abgenommen hatte, saß es nicht mehr ganz so hauteng wie vorgeschrieben. Weil die Ärmel aber kurz genug waren, drückten sie ein Auge zu.
Kniebeuge: Die Kommando-Falle
Nach dem Aufwärmen ging es endlich los. Jede Disziplin bietet drei Versuche. Und den allerersten Versuch im Kniebeugen habe ich direkt mal grandios verpatzt! Nicht wegen des Gewichts, sondern wegen der Routine aus dem Training: Nach dem Aufstehen habe ich das Signal der Kampfrichter nicht abgewartet und die Hantel einfach eigenmächtig zurück ins Rack gelegt. Ungültig.
Volkmar blieb tiefentspannt: „Heißt nur, dass du heute nicht so schwer beugen musst. Wir machen das Gewicht einfach noch mal.“
- Versuch: 135 kg – Gültig.
- Versuch: 145 kg – Gültig.
Mein PR von 155 kg blieb zwar unangetastet, weil mir das Risiko für den dritten Versuch zu hoch war, aber das Fundament stand.
Bankdrücken: Der Psychotrick des Trainers
Das Bankdrücken lief wie am Schnürchen:
- Versuch: 70 kg
- Versuch: 77,5 kg
- Versuch: 85 kg – Neuer PR!
Vor dem dritten Versuch raunte Volkmar mir noch zu, dass ich das Gewicht im Training ja schon auf Raps (Wiederholungen) gedrückt hätte. Ich wusste genau, dass das geflunkert war, habe aber geschwiegen und das Ding einfach hochgestoßen. Als er mir hinterher jubelnd gestand, dass er mich bewusst motivieren wollte, mussten wir beide lachen. Typisch Volkmar.
Kreuzheben: Der Krimi mit dem blauen Licht
Beim Kreuzheben wurde es noch mal spannend. Der erste Versuch mit 160 kg wurde mit drei blauen Lifter-Leuchten als ungültig gewertet. Die Begründung: Die Stange hatte auf dem Weg nach oben eine minimale Abwärtsbewegung. Da ich das selbst gar nicht gespürt hatte, ging ich mit einer gewissen Unsicherheit in die Wiederholung. War das ein grundlegender Technikfehler?
Im zweiten Versuch zog ich die 160 kg noch einmal – diesmal blitzten drei grüne Lichter auf. Vor lauter Erleichterung blieb ich auf der Bühne stehen, um die Wertung zu bestaunen, wofür ich prompt einen netten, mündlichen Hinweis bekam, die Bühne zügiger zu verlassen.
Für den finalen Versuch stellte mir Volkmar die Frage: 180 kg oder die magischen 200 kg? Ich entschied mich für die sicheren 180 kg, die ich schon mal bezwungen hatte. Sie gingen sauber nach oben.
Der unerwartete Lohn: Oberbayerischer Meister!
Das Verrückteste an diesem Tag? Ich war im totalen Tunnel. Sobald mein Name gerufen wurde, waren Kampfrichter und Zuschauer ausgeblendet. Ich hatte in keiner Sekunde das Gefühl, an meinem absoluten Limit zu sein, und das Feedback der Zuschauer war eindeutig: „Das sah viel zu leicht aus, da ging noch mehr!“
Als sich der Staub gelegt hatte und die Ergebnisse zusammengerechnet wurden, kam die große Überraschung. Mein Ziel war es eigentlich nur gewesen, überhaupt erst einmal ein gültiges Gesamtergebnis („Total“) in die Wertung zu bekommen. Am Ende standen 145 kg Kniebeuge, 85 kg Bankdrücken und 180 kg Kreuzheben auf dem Zettel.
Das macht eine Gesamtleistung von 410 kg – und den 1. Platz in meiner Alters- und Gewichtsklasse (Männer - Senioren II, Klasse bis 93 kg)!
Ein riesiges Dankeschön geht an dieser Stelle an Trainer Volkmar und die ganze Truppe. Wir sind dort mit mehreren seiner Trainees angetreten, haben uns gegenseitig angefeuert, die Daumen gedrückt und die Nervosität weggelacht. Ohne diesen Support und das gemeinsame Aufwärmen wäre der Tag nur halb so erfolgreich gewesen.
Die Reise geht weiter: Im September stehen voraussichtlich die Bayerischen Meisterschaften an – und dort werde ich bei den Drittversuchen definitiv ein bisschen mutiger zu Werke gehen!