Es gibt Momente im Sport, da geht es nicht um Bestzeiten, sondern um das nackte Ankommen. Mein 18. September 2022 war so ein Moment. Ort des Geschehens: Der Karlsfelder Seelauf 2022.
Ich trat zum Halbmarathon an. Auf der Waage standen damals knapp 115 kg – verdammt nah an meinem Höchstgewicht von 121 kg. In meinem Kopf spukte noch mein erster Halbmarathon aus dem Jahr 2004 herum. Damals, während meiner Studienzeit, war ich 18 Jahre jünger, stolze 40 Kilogramm leichter und finishte in 2:03 Stunden. Dass ich diese Marke nicht erreichen würde, war mir klar. Mein einziges Ziel an diesem trüben Tag hieß: Durchhalten.
Wenn die Strecke einsam wird
Der Kurs führte viermal um den Karlsfelder See. Schon in der zweiten Runde merkte ich: Das hier wird einsam. Während die anderen Läufer in die Zusatzschleife durch die Kleingartenanlage einbogen, war ich der Letzte, der noch einmal auf die kurze Runde direkt am See ging.
In der vierten Runde war ich schließlich allein. Die Wasserstationen waren verwaist, und ich sah Streckenposten, die bereits damit begannen, ihre Schilder abzubauen. Das ist ein komisches Gefühl – ein Mix aus Unbehagen und Trotz. Aber in meinem Kopf hämmerte ein Gedanke:
„Du magst der Letzte hier draußen sein, aber du liegst immer noch vor über einer Million Münchnern, die heute gar nicht erst angetreten sind und stattdessen auf dem Sofa sitzen“.
Das „Besenfahrrad“ und der manuelle Klick
Kurz vor dem Ziel tauchte eine Frau auf einem Fahrrad neben mir auf – mein persönlicher Schutzengel vom Team des Seelaufs. Sie war sichtlich überrascht, mich noch auf der Strecke zu finden, begleitete mich aber die letzten zwei Kilometer bis zum Sportplatz des TSV Eintracht Karlsfeld.
Dort war die Zeitmessung eigentlich schon beim Abbau. Doch sie warteten. Meine Zeit wurde manuell erfasst: 03:23:35. Platz 70 von 70. Der Vorletzte war über eine Stunde vor mir im Ziel.
Warum mich das trotzdem stolz macht? Weil es ein offizielles Ergebnis ist. Bei anderen Läufen wurde ich schlicht übersehen und landete mit einem „DNF“ (Did Not Finish) in der Liste, obwohl ich die jeweilige Distanz gelaufen war. In Karlsfeld durfte ich offiziell ankommen.
Die Treppe zum Olymp
Das Gefühl danach? Ich war am Ende. Der Weg zum Auto war eine Qual, aber die wahre Herausforderung wartete beim anschließenden Brunch bei Bekannten: Fünf Treppenstufen zur Haustür. Ich stand davor und starrte sie an, als wären sie die 768 Stufen des Ulmer Münsters.
Aber ich war oben angekommen. In jeder Hinsicht.
Mein Learning für euch:
Habt keine Angst davor, die Letzten zu sein. Die einzige Zeit, die wirklich zählt, ist die, in der ihr nicht aufgegeben habt.